Fünfzehntausend Schritte gegen die Dunkelheit

Ich habe ein kleines Ritual morgens, das ich so oft durchziehe, wie ich Zeit dafür habe. Nach meinem ersten Termin in der Früh besuche ich meinen Bäcker um die Ecke. Meistens steht eine Brasilianerin hinter der Theke. Sie ist einen guten Kopf kleiner als ich, strotzt vor Energie und hat ein so zeitloses Äußeres, dass ich nicht sagen könnte, ob sie nun zwanzig oder zwanzig Jahre älter als ich ist.

Sie begrüßt mich immer mit einem breiten Lächeln und einem „schön Sie zu sehen, wie geht es Ihnen heute?“, tadelt mich, wenn ich mich mehr als ein paar Tage nicht habe blicken lassen und packt mir mit einem verschwörerischen Lächeln noch ein oder zwei weitere Teile in meine Bäckertüte, wenn ich meinen obligatorischen Euro zusätzlich als Dankeschön für diese zwei bis drei Minuten Flucht aus dem Alltag gebe. Die schaffe ich zwar nahezu nie am selben Tag noch zu essen, aber ich fühle mich als kleiner Teil dieser nicht-ganz-koscheren Sache zwischen ihr und mir und spüre intensiv dieses wimpernschlägige Glücksgefühl, von einem besonderen Menschen wie ein besonderer Mensch behandelt zu werden.

Ist das nicht ein schöner Start in den Tag?

Bleibt nur eine Frage: Klingt das alles noch so schön, wenn das tagein, tagaus das größte Maß an Nähe zu einem Menschen ist, der nicht unmittelbarer Teil meiner Familie ist? Seit Monaten? Hm?

Manchmal trifft es mich mit einer Wucht, bei der mir Angst und Bange wird. Dann werden diese Wände dieser schäbigen 60qm im erweiterten Zentrum Münchens zu einer Zelle, deren Enge droht mir die Luft zum Atmen zu nehmen. Da geht selbst mir als sozialem Kaktus das Wasser aus und ich drohe zu verwelken. Und die Frage steht im Raum, warum ich nicht einfach liegen bleibe. Alles ausblende, nichts mehr höre, sehe, fühle. Verstörend einsam liegt es sich in diesen Momenten im Bett, sitzt es sich auf der Couch, steht es sich unter der Dusche. Diese Monate unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sie sind in diesen Momenten so nah und so unfassbar erdrückend.

Pseudo-Poetisches Geschwafel mal kurz beiseite: Wer sich fragt, wie es so ist, seit März mit kurzen Unterbrechungen allein in seinen vier Wänden zu sein, arbeitend aus dem Homeoffice, ohne neue Kontakte seit dem letzten Winter, ohne die Umarmung oder die leichte Berührung eines Menschen, der einem nicht eh schon so Nahe steht dass es in die Kategorie „Routine“ fällt, dem kann ich nur eins sagen: Absolut beschissen. Als in sich gekehrter, eher schüchterner Mensch braucht man eh schon eine Extraeinladung, um sich in dieses so verwirrende Ding namens Leben zu schmeißen. Gerade bleiben diese Extraeinladungen aus gutem Grund aus. Und manchmal kann ich nicht anders, als das einfach nur als abgrundtief schlimm und belastend zu empfinden.

Wie als Einladung steht die Weinflasche da. Damit wird zwar definitiv nichts besser, auf längere Sicht vieles schlechter, aber zumindest kurzfristig alles dumpfer. Es wäre so leicht.

Raus hier.

Der kleine See am Beginn des Nymphenburger Kanals ist leicht und uneben zugefroren. Im Licht des abnehmenden Vollmonds glitzert es in alle Richtungen. Es wirkt ein bisschen mystisch, als würde das Licht auf einen rissigen Spiegel fallen. Die Sorte, die man in diesen großen, staubigen Dachboden alter Herrenhäuser vorfindet.

Der weite Fußgängerbogen nördlich des Schlossparks ist eng, grau, trostlos und verlassen. Und verdammt einsam. Und selbst in einer Stadt wie München wird mir mulmig, wenn ich einen solchen Weg allein beschreite und weiß, dass mir hier echt nichts passieren darf, weil mich niemand hört und niemand sieht. Ich bleibe trotzdem an der Schlossmauer stehen. Baby Yoda blickt von dort aus neugierigen Augen zu mir rüber. Alles beruhigt sich etwas.

An einer der unangehmsten, weil befahrensten Straßenecken der Stadt, haben die Anwohner einen Beamer auf ihre Haustür gerichtet. Über den Eingang und die umgebende Wand fliegt ein Schneemann, ein Weihnachtsbaum, eine Weihnachtsglocke. Alles wird sanfter, die Enge verschwindet, die Luft zum Atmen ist wieder da.

Nach fünfzehntausend Schritten gegen die Dunkelheit bleibe ich ein letztes Mal stehen. An meiner Unterführung. Die Beine sind müde. Und auch der Kopf ist weit genug gewandert, um entschweben zu können. Es ist definitiv besser. Und nichts ist dumpf. I did it.

Everybody hurts. Die Frage ist nicht, wie man das abschaltet. Sondern, wie man damit lebt.

Music for the Night:

  • R.E.M. – Automatic for the People
  • PJ Harvey – White Chalk
  • Pink Floyd – The Dark Side of the Moon
  • All diese Gewalt – Welt in Klammern
  • Portishead – Third

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