Cut

Im flackernden Licht der Straßenlaterne

Manchmal, ganz manchmal, gibt es diese wundersamen Momente der Klarheit, in denen sich alles irgendwie fügt und sich Erkenntnis an Verständnis an diese eigentümliche Stille fügt, die einsetzt, wenn man im wahrsten Sinne begriffen hat, was eigentlich los ist.

Ich glaub ich hatte gerade so einen Moment. Und ich muss ihn jetzt mit beiden Händen greifen und festhalten und nicht mehr loslassen.

Kennt ihr noch diese alten, ich nenne es mal aus Mangel an einem passenderen Wort, Zugwägen aus alten Westernfilmen? Oder aus Schuh das Manitu, for that matter, zumindest hatte ich schrägerweise die Assoziation von dort. Diese, im Grunde einfach nur Holzplatten über Rädern auf Schienen, an denen so eine Art Griff befestigt war? Da standen dann an beiden Seiten des Zugwagens halt so Menschen und man hat immer abwechselnd so stark man konnte nach unten gedrückt, um vorwärts zu kommen?

So hab ich mich gefühlt seit… naja, lange. Nur dass ich halt alleine auf diesem Zugwagen stand und immer von Seite zu Seite gesprungen und gedrückt habe um voranzukommen. Mit voller Kraft, im Zweifel wie für zwei. Weil voran muss man ja kommen. Das ist irgendwie ja gegeben, so funktioniert der Planet.

Ist wie Ruderboot alleine irgendwie, um mal den Philosophen Lukas Podolski frei zu zitieren. Gar nicht mal so geil. Und schon gar nicht zielführend.

Vor allem, weil ich jetzt nicht unbedingt drauf gepolt bin, mal stehen zu bleiben, innezuhalten und mir beispielsweise vor einer Weiche überlege, ob ich jetzt eher links oder rechts abbiegen sollte – oder doch lieber einfach zurückzufahre. Könnte ja auch sinnvoll sein manchmal.

Ich glaub ich hab ein paar Weichen auf der Strecke verpasst, als ich vor und zurück gesprungen bin und hoch und runter gedrückt habe und gefahren, gefahren, gefahren bin.

Ich habe mich jetzt gut und gerne zwei Jahre auf diese Weise freiwillig fremdbestimmen lassen. Hab die voreingestellten Weichen einfach mitgenommen ohne zu hinterfragen, ob das überhaupt ok ist.

Habe für mich zwei Jahre lang diese Ambition in meinem Kopf verfestigt, immer voran zu kommen, immer weiterzufahren, weil alle anderen es doch genauso machen. Und man das halt so macht, wenn man ausreichend flott im Kopf und interessiert und leidenschaftlich und willig ist, etwas zu erreichen.

Ich Volltrottel. Das ist nicht mein Leben. Ich weiß nicht, wann ich das letzte mal lachend durch Wohnung oder dunkle Straße pirouettiert bin, weil ich neue Musik entdeckt habe, die jede denkbare Emotion (schönes Gegensatzpaar, hihi) in meinem Herzen und Kopf und Beinen aktiviert hat. Wann ich das letzte Mal zur Tür rausgegangen bin, einfach nur weil ich meine Augen und meine Sinne auf eine augen- und sinnscheinlich nicht-weiter-von-Belang Situation gerichtet habe, aus der die nächste Geschichte entstehen konnte.

Musik hörte ich in den letzten Monaten, um mich abzulenken, nicht um meine Emotionen im ganzen Spektrum aufzufächern. Geschrieben habe ich, um mich selbst zu therapieren – und nicht, um Momente einzigartiger, ein bisschen versteckter Schönheit einzufangen. Gelebt habe ich nicht. Wie auch. Dafür muss man absteigen. Das Fahren einstellen, für eine gewisse Zeit. Und die ein oder andere Weiche erst inspizieren – und dann vielleicht umstellen. Oder gar nicht erst weiterfahren, wenn ich gerade ein Plätzchen gefunden hab, wo es kuschlig warm und hell und ein bisschen herbstlich ist, so wie ich es am liebsten mag.

Ich muss nicht immer weiter machen. Ich muss gar nichts.

Was ich jedoch möchte, ist wieder offenen Auges durch die Welt zu gehen und all diese kleinen Geschichten, die all das hier zum Schönsten machen, was geht, einzufangen. All diese Musik zu hören, die auch noch das letzte Rest Gefühl in mir aktivieren. All diese Liebe und Zuneigung und Mitgefühl an die Menschen um mich herum zu geben, die so gut und vielfältig und liebenswürdig sind. Und auch all diese Liebe und Zuneigung und das Mitgefühl an- und aufzunehmen, das so viele mir geben wollen.

Ich muss echt noch ganz, ganz viel lernen über mich und dieses komische Ding namens Leben. Wird Zeit, damit anzufangen.

Music for the Night:

  • Pink Floyd – The Dark Side of the Moon
  • Pink Floyd – Meddle
  • Arcade Fire – Reflektor

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