
Ich bin extrem gut darin, Dinge nicht zu tun. Auch, wenn ich eigentlich weiß, dass es super sinnvoll wäre. Bestes Beispiel das Schreiben.
Vielleicht ist euch aufgefallen, dass ich in den letzten Tagen nicht geschrieben habe. Lässt sich leicht erklären, mein Portfolio ist extrem reich an Ausreden. Jahrelanges Training, kann man sagen.
Kein cooles Thema gefunden. Da muss ich ob der Absurdität gerade selber grinsen. Weil die Welt ja auch keine Geschichten zu bieten hat. Gut drauf (selten) – und deswegen keinen Bedarf, mich auszudrücken. Müde, emotional belastet, nur am Funktionieren (oft) – keine Kraft, mich abends noch hinzusetzen. In der Hinsicht bin ich, glaube ich, unangenehm zu menschlich: Ich entfalte mich nur in sehr eng gesetzten emotional-klimatischen Grenzen, darunter ist es bloße Existenz, oder weniger. Eingeredet ist so etwas ganz schnell.
Was ein Bullshit. Ich bin einfach antriebsbefreit. Time to deal with it. Eigentlich ist das ja der ganze Sinn der Übung: zu tun, zu fühlen, zu leben, zu kreieren. Und meinen kreativen Aktionsradius nicht zum Spiegel des Zustands meiner Wohnung zu machen.
Spoiler: Die sieht aktuell absolut schäbig aus.
In nahezu allen Lebenssituationen gehe ich den gleichen Weg. Zum Einkaufen, zu meinen Lieblingsrestaurants, meine Jogging- oder Discount Jogging-Strecke: Seitenstraße rechts, Seitenstraße links, über die Hauptstraße, Seitenstraße links. Dann kommt eine Unterführung, die mich auf die andere Seite des mittleren Rings bringt.
Diese Unterführung, ich sehe sie jeden Tag. Und sie ist mir immer noch ein Rätsel. Graffiti bedenkt jeden Zentimeter der Wand, kleine moderne Fresken, die ihre eigenen, ich glaube sehr persönlichen Geschichten erzählen. Geschichten von Aliens, Super Saiyajins, Raubfischen, der großen Liebe. Ein Ort, in dem man wahrscheinlich Stunden verbringen könnte, um zu versuchen zu verstehen, was hier eigentlich abgeht. Wenn das nicht irgendwo sozial geächtet wäre, stundenlang wie der letzte Creep in Unterführungen rumzuhängen. Ausnahme: Illegaler Rave mit 50 anderen, aber das geht heutzutage halt auch nicht so ganz klar.
Seit Jahren haben sich die Graffiti nicht mehr geändert. Erfasst, verstanden, erfühlt habe ich sie immer noch nicht. Und auch, wenn die Motive die gleichen sind, wandelt sich ein kleines Detail immer wieder in dieser Unterführung.
Mal steht ein kleiner Karton an der Seite, mit Büchern, Kleidung oder Nippes zum Verschenken. Mal hat sich ein Straßenmusiker in diese Großstadtkatakomben verirrt. Und hofft, dass das Gehetzte und Egozentrische dieser schwierigen, schwierigen Welt vielleicht mal kurz beiseite geschoben wird – und doch mal jemand kurz zuhört. Mit ihm spricht. Und sich an der Gitarre für einen Moment erfreut.
Heute waren es zwei Teelichter. Und diese Unterführung erzählt mir wieder eine neue Geschichte.
Irgendjemand denkt an jemanden. Oder trauert um jemanden, der ihm fehlt, den er immer noch liebt, den er vielleicht nur noch einmal wiedersehen möchte. Oder irgendjemand dachte sich einfach, dass diese Teelichter diesen Ort ein kleines bisschen heller, wärmer, verweilbarer machen.
Nach ein paar Minuten gehe ich weiter, Heim und Essen warten. Und irgendwie ist halt doch alles ok.
Music of the day:
- Arca – &&&&& (persönliche Neuentdeckung. geilgeilgeil)
- Big Thief – Two Hands
- King Krule – 6 Feet Beneath The Moon