Ich wohne schon recht lange in der gleichen Gegend in München. Da ergibt es sich, dass man die meisten Flecken in seiner Gegend irgendwie kennt und zumindest einen gewissen Bezug hat. Die schmucke Tapasbar hier, der kleine Park da, der italienische Supermarkt hinter dem großen Lidl. Bezugspunkte im (zugegeben, recht schiefen) Dreieck aus Maillinger, Rotkreuzpatz und Nordbad hats da genug.
Eine ist da rausgefallen. Kein My meiner Aufmerksamkeit hat die Barbarastraße bisher von mir bekommen. Ob sie darauf sauer ist oder mich berechtigterweise genauso mit Ignoranz straft wie ich sie, kann ich nicht sagen. Hab sie nicht gefragt. Und wenn ich sie wäre, würde ich auch nicht drauf antworten.
Naja. Zumindest hab ich das gestern geändert. Abgebogen an der Schwere-Reiter, links gehts rein, düster ists. Direkt an der Ecke eine Tankstelle, die aus Sicht eines Nicht-Autofahrers ihren Zweck aber mal so dermaßen verfehlt hat, dass alles zu spät ist.
Der dazugehörige Kiosk hatte nämlich um 8 schon zu. Ich lass das mal so stehen.
Der Abzweig an sich verhieß also erstmal nichts Gutes. Im Nachhinein glaube ich, dass die Barbarastraße das absichtlich so gemacht hat. Um keine unerwünschten Passanten wie mich ertragen zu müssen. Auch hier: Würde ich genauso machen. Bloß nicht einladend wirken, dann hat man auch mehr seine Ruhe.
Ein Glück, dass ich stur geblieben bin.
Die Barbarastraße ist eines dieser Schmuckstücke, die man in München im speziellen und – so weit lehne ich mich an der Stelle mal aus dem Fenster – in Großstädten an sich immer weniger findet. Kleine, alte Häuschen stehen dort, umgeben von winzigen Gärten, die jenseits der – bitte hier auswählen, was aus eurer Sicht besser passt: a) achtstelligen Vermögen oder b) +50km außerhalb Münchens – nur müde belächelt werden würden.
Es ist ein Paradies. Den Rasenmäher oder die Heckenschere haben diese Gärten wahrscheinlich seit ihrer Anlage nicht gesehen. Die Häuser: Ein bisschen verwittert, mit diesen total komischen (weil irgendwie doch auch zwecklosen, oder?) Flügeltüren in blau, oder grün, oder – wenn man mal ganz verrückt unterwegs war – rot oder orange.
Ich hab übrigens kein besseres Wort für diese Flügeltüren, haben die nen bestimmten Namen? Ich hoffe zumindest, dass klar wird, was ich meine. Naja, zurück zum eigentlichen Geschehen.
Diese Häuschen, diese Gärten, die sind doch das Paradies. So ein Mittelfinger gegen diese klaren Kanten, kurzen golfplatzartigen Rasenflächen, an denen am besten noch ein Schild mit der Aufschrift „Betreten der Rasenfläche verboten!“ (sic! und wtf!) steht.
Und so viel Erinnerung. Zumindest in meinem Kopf. Diese Häuschen haben noch Oma Else gesehen, die direkt nach dem Krieg versucht hat, als Kriegswitwe für sich und ihre drei Kinder wieder ein Leben in all dem Nichts und Chaos und Leid und allgemein Scheißdreck aufzubauen. Und sie sind immer noch da. Und irgendwie haben sie sich in all der Zeit, zumindest auf diesen ersten, flüchtigen, etwas verwunderten Blick, nicht geändert.
In diesen Häusern steckt so viel Liebe und Leid und Trauer und Freude. Es muss ganz schön was in einem abgehen, wenn man einfach in diesem verwucherten Kleingarten, oder dieser verwitterten Diele sitzen und kucken darf.
Gut, dass ich abgebogen bin. Sorry fürs bisherige Ignorieren Barbara. Und danke.
P.S. Ich habe vergessen, ein Foto von dir zu machen. Sau dumm. Werde ich nachholen.
Music of the day:
The Microphones – Microphones in 2020
Radiohead – In Rainbows
Arcade Fire – The Suburbs