Zu Fuß

Spaziergänge sind ja so eine Sache, die romantisch recht massiv aufgeladen werden. Man geht in sich, entschleunigt, nimmt die Welt auf eine andere, bewusstere Art und Weise wahr.

Naja. Oder man bewegt sich halt, weil alle Alternativen irgendwie auch nix sind. Kann man so sehen, kann man auch anders sehen. Wie auch immer.

Ich spaziere, weil mir beim Joggen auf diesem Drecks Großstadtasphalt mittlerweile nach wenigen Kilometern so dermaßen Sehnen und Gelenke wehtun, dass es kracht. Ich stehe nicht ausreichend auf Schmerzen, um das in irgendeiner Form geil zu finden. Dann halt Discount-Joggen. Bleibt mehr Zeit, Leute auf Basis eines flüchtigen Eindrucks zu bewerten. Zumindest im dem Aspekt lebe ich voll im Sinne einer Millionenstadt. Man muss sich ja anpassen.

Auch, wenn es schwer fällt. Ich habe mir eigentlich immer viel auf meine Fähigkeit, zu beobachten und einzuschätzen eingebildet. Gerade fehlt dafür irgendwie Energie, Motivation – oder irgendwas anderes, was mich früher ausgemacht und jetzt gerade irgendwie abhanden gekommen ist. Ich hoffe, dass ich herausfinde, was los ist. Zumindest völlig ohne Sinn und Verstand Leute zu judgen würde ich schon gerne bald wieder können.

Der Olympiapark war in der Hinsicht eigentlich immer ein ganz dankbares Pflaster. Abgesehen vom unsäglichen Tollwood nie heillos überlaufen – ein wenig genutztes Schmuckstück weit weg von Gärtnerplatz und Isar. Da konnte ich mich wunderbar auf Einzelne eindenken. Bis halt Corona kam, ne? Jetzt eher so menschengemachte Reizüberflutung.

Heute mag ich die kleinen Nebenstraßen und Hinterhöfe, rund um den Park, weg von den Menschen. Mir kommt eine Dame auf einem Roller entgegen. Sie und der Roller sind eher ältere Modelle. Wäre ich ein Fiesling, hätte ich den Roller entwendet. Das Himmelblau war schon leicht verblichen, der Scheinwerfer groß und rund, auf Höhe des Sitzes – fast ein bisschen wie ein Bullauge. Ein Retro-Traum. Verschlissen, knatterig, lauter als nötig – aber irgendwie charmant. In dem Moment hoffe ich, dass ich einen ähnlichen Eindruck bei Menschen hinterlasse.

Vor dem Scheinwerfer hatte die Dame einen Korb montiert. Der Korb verdeckte den Lichtkegel des Rollers eh schon halb – und war obendrein übervoll mit Einkäufen gefüllt. Die Frau transportierte original so viel Ballast, dass sie den Weg in der Dunkelheit vor sich höchstens noch halb erkennen konnte.

Manchmal ist es schon abgefahren, wie eine Metapher auf das Leben in Form einer alten Vespa an einem vorbeifährt.

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